Die Life-Photographin und Pionierin der
amerikanischen Bildreportage, Margareth
Bourke-White, sollte einst Mahatma Gandhi,
den geistigen Führer der indischen
Unabhängigkeitsbewegung, für ihr Magazin
ablichten.
Doch Ghandi verweigerte sich dem
Arbeitstempo der jungen Frau. Vor der
Photoaufnahme ließ er sie erst eine
Zeit lang am Spinnrad arbeiten, jenem
überaus einfachen und friedlichen Werkzeug,
das er zum Zeichen seiner Bewegung gemacht
hatte. Für die Amerikanerin war das
eine völlig neue Erfahrung, die ihre ganze
Konzentration forderte.
So entspannte sich die Situation und die
Photographin hatte nicht nur einfach eine
Aufnahme gemacht — getreu der Maxime
von George Eastman, dem Kodak-Gründer
und Pionier der Amateurphotographie:
,,You just push the button, we do the rest" —
sondern sie konnte (ja musste) sich Zeit
nehmen, musste sich mit dem Menschen
Gandhi und seinen Ideen auseinandersetzen,
ihn als Individuum wahrnehmen.
Und so hielt sie ihn schließlich nicht als
Klischee in ihrem Bild fest, sondern als eine
starke, eigenständige Persönlichkeit.
Ich habe mich an diese Szene erinnert, als ich
die Einführung von Sinasi Dikmen zu dem
Katalog las, der Mehmet Ünals Ausstellung
,,Heimat Deutschland - Regenhitze"
dokumentiert, die bis Januar in der U-Bahn-
Galerie des Hauses der Geschichte in Bonn
gezeigt wurde und deren Bilder Sie heute
Abend hier in der Rotunde des
Rtisselsheimer Rathauses sehen.
Der Kabarettist und Autor Dikmen erzählt
in dem Vorwort von einem Phototermin mit
Mehmet Ünal, einer Szene, in der es wiederum
um die Ungeduld geht, die das Gelingen eines
Photoportraits bedroht — nur sind ,die
Vorzeichen diesmal umgekehrt.
Während Sinasi Dikmen gespannt darauf
wartete, endlich mit seinem schönsten Lächeln
und frisch frisiert abgelichtet zu werden, nahm
sich Mehmet Ünal Zeit, viel Zeit, in der geredet,
getrunken und gegessen wurde, bis die
Atmosphäre sich weit vom eigentlichen Ziel des
Treffens entfernt hatte... Doch der Photograph
war nur scheinbar unaufmerksam — denn jetzt
machte er schließlich doch noch seine Aufnahme
und es entstand ein Photo, das den
unbeschwerten Freund Sinasi zeigt und nicht
ein Abbild von dessen eigener
Vorstellung eines repräsentativen Bildes.
Mehmet Ünal, so erkennt Sinasi Dikmen heute,
holt die Menschen, die er photographiert, hinter
ihren Masken hervor. Er schafft es, sie ohne
diese künstliche Haut zu zeigen, die sie sich als
ein Bild anderen Menschen gegenüber zugelegt
haben.
Und tatsächlich kann auf keiner andere Basis
wirklich große Portraitphotographie aufbauen
— es muss eine Beziehung geben zwischen
dem Menschen hinter der Kamera und dem
Menschen, der vom Objektiv des Apparates
erfasst wird: Ohne einen gewissen Grad an
emotionaler Kommunikation wird das Bild meist
beliebig bleiben, oft kalt und leblos.
Die Metapher des Demaskierens meint hier
allerdings keinen, Verzicht auf inszenierte
Bilder, keinen absoluten Zwang zur spontanen
Aufnahme. Große Portraitisten hinter der
Kamera von Sander bis Annie Leibowitz
haben die Menschen, die sie zeigen,
in Szene gesetzt.
So setzt auch Mehmet Ünal in seinen
aktuellen Bildern das Mittel der Inszenierung
ein. Doch auch das ist eben ein kreativer
Vorgang, bei dem sich der Lichtbildner mit
seinen Modellen und deren Leben
auseinandersetz, ihnen stets einen Freiraum
zur Selbstdarstellung lässt, sie vielleicht sanft
leitet, ihnen nie starre Posen vorschreibt.
Es ist ein Schaffensprozess, der das allzu
perfekt inszenierte Portrait vermeidet, der
gewiss auch Elemente der Reportage einfließen
lässt und dabei dem Charakter des Portraitierten,
seinem Leben und im besten Falle gar seinen
Träumen und Wünschen einen Weg in das
Bild öffnet — ähnlich den großen
Portraits der Malerei. Aber nicht allein die
Eindringlichkeit und damit Qualität der Bilder
zeichnen diese Ausstellung aus — es ist
wenigstens im gleichen Maße der thematische
Kontext, in dem die 50 schwarzweißen Portraits
entstanden sind. Denn Mehmet Ünal hat mit dieser
Ausstellung sein großes Projekt, in Deutschland l
ebende Türken zu portraitieren, konsequent
fortgesetzt: Was mit seiner Dokumentation
des Lebens seiner als ,,Gastarbeiter"
in die großen Industriebetriebe nach Deutschland
gekommenen Landsleute begann, (unter anderem
hat Mehmet Ünal auch bei Opel als Betreuer in
den Wohnheimen des Unternehmens gearbeitet)
wird hier mit einer Reihe von Bildern fortgesetzt,
die ebenfalls aus der Türkei stammende und in
Deutschland lebende Menschen zum Thema
haben. Allerdings sind sie Vertreter ganz
unterschiedlicher ,,gelernter" Berufe, haben
Erfolg und gesellschaftliches Ansehen
errungen, sind zum Teil das, was man
,,Existenzgründer" nennt.
Die Erziehungswissenschaftlerin neben dem
Professor für Biopsychologie. Berufsbilder wie
Marktfrau, Dichter, Schriftstellerin, Unternehmer,
Maler, Pharmareferentin, Bildhauer, Philologe,
Politiker, Bürgermeister, Chirurg, Journalist
oder Photograph.
Sie tragen mit ihrer Arbeit, ihrem Leben längst
wesentlich zur Kultur Deutschlands bei — Eine
Tatsache, die bisher kaum wahrgenommen wird.
Und sicher wendet sich Mehmet Ünal mit seiner
Ausstellung auch gegen diese Ignoranz. Doch noch
stärker wird ,,Heimat Deutschland - Regenhitze"
vom Aspekt der Dokumentation geprägt:
Die Ausstellung ist auch ein sozialgeschichtliches
Resümee, indem den Bildern die kurzen Definitionen
zugefügt sind, mit denen die Abgebildeten ihre
Beziehung zu ihrer neuen Heimat Deutschland
beschreiben. Von Freiheit und neuem Zuhause
erzählen die einen, von den Möglichkeiten der
individuellen Entwicklung andere, vom ,,Land der
unbegrenzten Möglichkeiten gar. Gleichzeitig ist
es doch aber auch eine ,,bittere" schöne Heimat,
ein Land der Leiden — ein Exil.
Mit dieser Verbindung aus Bild und oft lapidarem
Text hinterfragt der Künstler die Bedeutung eines
Heimatbegriffs, der nicht so leicht zu fassen ist
für Menschen, die — wie es die Schriftstellerin
Diana Canetti erkennt — viele verschiedene
Wurzeln haben. Doch kaum jemand unter den
Personen, die Mehmet Ünal für dieses Projekt
aufgenommen hat, resigniert angesichts des oft
schwierigen Umgangs mit diesem Land - mit
Deutschland und seinen Menschen —einer
Gesellschaft,
die der Wirtschaftsfachmann Oktay Dursun so
trefflich mit Lewis Carrols Land hinter dem
Spiegel vergleicht, jenem skurrilen, bizarr-schönen
,,Wunderland", in dem Alice ihre Abenteuer
erlebt. Statt Resignation trifft man in den kurzen
Bildtexten auf Engagement, auf die Bereitschaft
zur Einmischung, zur konstruktiven Kritik —
Elemente, von denen auch die Arbeit Mehmet
Ünals seit vielen Jahren geprägt ist.
Der 1951 in Canakkale in der Türkei geborene
Photograph hat zunächst als Schauspieler
gearbeitet, machte sich mit seinen freien
politischen Ansichten in der Türkei jedoch
unbeliebt. In den folgenden Jahren hat er auch
die andere Seite des Daseins als Photograph
kennen gelernt: Die Jagd nach dem Aufsehen
erregenden Schnappschuss, die Suche
nach dem bis zum Grad des Synthetischen
,,schönen" und daher oftmals glatten Bild als
Bildjournalist für Magazine, Zeitungen und
Industrieunternehmen. Seinem eigenen, klaren
und kritischen Stil wurde Ünal zwar nie untreu,
aber auf Dauer ließ sich seine Arbeitsweise
nicht mit der Einstellung vieler Auftraggeber
in Werbeagenturen und Medien vereinbaren.
So engagierte sich der 1976 nach Deutschland
gekommene Photograph ab 1977 im
gewerkschaftlichen Bereich, war Betreuer
unter anderem in den Opelwohnheimen
in Rüsselsheim, wo auch viele einfühlsame
Bilder entstanden, die nicht nur die Menschen
darstellen, sondern auch ihre Lebensumstände
mit in die Stimmung der Photographien
einbeziehen — Bilder wie beispielsweise
jenes, das auf dem Programm zur Rüsselsheimer
interkulturellen Woche 1996 zu sehen war:
Ein Photo, das die Grenzen der
Zweidimensionalität aufzuheben scheint,
das dem Betrachter eine Geschichte erzählt
von Einsamkeit und Ausgrenzung, von einer
Hoffnung, die sich vielleicht nie erfüllen wird.
Mit solchen Bildern, die nicht spektakulär
sind und sich dem Betrachter eher
langsam erschließen, hat Mehmet Ünal,
der heute als Organisationssekretär des
DGB in Ludwigshafen arbeitet, die
Verantwortung auf sich genommen, der
Chronist eines Teils der deutschen
Gesellschaftsgeschichte zu sein.
Manifestiert hat sich dieses Engagement
unter anderem in zahlreichen Ausstellungen
und bisher drei Photobüchern.
Die Belichtung des Films ist immer noch
ein mechanischer und physikalischer
Prozess, der nur wenige Bruchteile einer
Sekunde in Anspruch nimmt. Doch wie
unendlich viel mehr als den Druck auf den
Auslöseknopf braucht es, damit gleichermaßen
ehrliche und beeindruckende Lichtbilder entsteht —
Photos wie die in dieser Ausstellung gezeigten.