Sehr geehrte
Damen und Herren,
gefragt, ob ich
zu dieser Ausstellungseröffnung einige
Worte sagen
wolle, habe ich spontan zugestimmt -
weil es mir
eine Ehre ist, dies tun und damit gerade jetzt
und gerade hier
für den türkischen Teil unserer Bevölkerung
bewusst auf-
bzw. eintreten zu dürfen.
Wir Deutsche
haben allen Grund zu zeigen, dass
wir die hier
mit uns zusammen lebenden Türkinnen
und Türken als
Mitbürger in Deutschland - und wenn
es nach mir
ginge, auch als deutsche Staatsbürger
türkischer
Herkunft oder doppelter Nationalität –
jedenfalls als
einen Teil von uns begreifen.
Einen Teil, der
vielleicht in vielen Dingen anders sein
mag als wir in
der Mehrheit, mit dem wir aber wie mit
unseresgleichen
leben und kommunizieren wollen.
Einen Teil, der
anders sein darf, ohne Angst haben
zu müssen.
Die Kultur und
die Kulturpolitik in unserem Land haben -
und das ist ja
nicht verwunderlich - eine deutsche
Perspektive -
wenn es gut geht, eine (west-) europäische.
Es werden aber
Zeit, dass wir erkennen, längst mit
mehreren
Kulturen zu leben, die ihr Recht auf eigene,
sich selbst
definierende Perspektive haben und
verwirklichen
wollen. Die türkische Kultur, die Kultur
der Türken in
Deutschland, gehört dazu. Uns den Weg
zu dieser
Gemeinsamkeit in Vielfalt nicht durch die
Verbrecher aus
Solingen verminen und sprengen zu
lassen, muss
unsere verstärkte Anstrengung gelten.
Mit Ereignissen
wie dieser Ausstellung und ihrer
Eröffnung heute
tragen wir, hoffe ich, dazu bei, weiter
den Weg zu
ebnen und zu sichern, der in ein friedliches,
freundliches,
menschliches Miteinander führt.
Voraussetzung
dafür ist dass wir einander
wahrnehmen und
verstehen. Das kann man
auch lernen.
Mehmet Ünal
hilft uns dabei; er ist ein Übersetzer,
ein Dolmetscher
mit Fotografien und Zitaten. Wer in
seinen Bildern
liest, seine abstrahierenden Portraits,
die Gesichter
und Körperhaltungen der abgebildeten
Menschen
sorgsam studiert, erfährt viel. Vieles von
dem, was
Menschenschicksal ausmacht, liegt in
diesen Bildern,
Enttäuschung und Freude, Stolz
und
Melancholie, Ergebenheit und Behauptungswillen,
Leid und Glück.
Nachdenklichkeit, die Gestik und
Mimik des
Erinnerns, des Nach-Innen-Schauens,
prägen die
Gesichter der Abgebildeten am meisten.
Und wenn der
Betrachter der Bilder dann selbst zurück,
nach links
schaut (im Katalog jedenfalls), dann entsteht
die Spannung
des Vergleichs, dann spürt man die Zeit,
die zwischen
den Bildern liegt, dann werden sie im
eigentlichen
Sinn historisch.
Diese Passfotos
in ihrer lapidaren Unschuld, in ihrer
oberflächlich-dokumentarischen Herkunft, sie zeigen
andere
und doch die gleichen Menschen. Sie zeigen
Jugendlichkeit,
aber auch Befangenheit, Ungewissheit,
Mut,
Entschlossenheit, Hoffnung. Und man beginnt
das Leben
zwischen diesen ungleichen Fotos zu ahnen.
Das heißt, man
kann sich ein Bild machen, von dem, das
nicht
fotografiert ist, nicht fotografierbar war. So halten
die Fotografien
gleichsam für das äußere Auge zwei
Zeitpunkte
eingefroren fest. Zwischen ihnen wird
die Linie des
Lebens vor unser inneres Auge geführt.
Die Zitat-Texte
fungieren dabei - ein Paradoxon - als
Seh-Hilfe.
So entstehen
auf unserer gedanklichen Netzhaut Bilder
von Einsamkeit,
von Arbeit und Alltagshärte, von Fernweh
und Sehnsucht,
von Heimweh und Wiedersehensfreude,
von Abenteuer
und Fremdheit, von Familienglück und
-unglück, von
Armut und bescheidenem Wohlstand,
vom Leben eben.
"Ungültig"
nennt Mehmet Ünal sein Werk, hat den Titel
listig einem
Stempel entnommen, der Pässe, Dokumente,
Genehmigungen
allerorts ziert, wo Menschen nach staatlichen
Regeln der
Ordnung zu leben gehalten sind. "Ungültig"
kommt von
gelten, und gelten hat mit Geld eine gemeinsame
Wurzel, etwas,
was gilt, einen Wert hat. Die Fotografien von
Ünal sind für
mich die Widerlegung des Titels, denn Ünal
zeigt nicht
Ungültiges, sondern bringt die Menschen und
deren
Geschichte zur Geltung, er macht sie gültig.
Er verhilft
diesen Menschen mit diesen Fotografien zur
Würde.
Die Würde des
Menschen -ein Wort aus der Verfassung
der
Bundesrepublik Deutschland- ist gleichzeitig das
höchste Gut und
dasjenige, das auf der Welt als das am
meisten
bedrohte erscheint. Dass dies auch in letzter Zeit
auch wieder in
Deutschland der Fall ist, ist ein historisches
Trauerspiel und
ein politischer Skandal. Dagegen stehen
mit schwachen
Kräften der Kunst diese Bilder. Sie sind ein
Versuch mit den
Mitteln des künstlerischen Bildjournalismus.
Aber dieser
Versuch ist, eben nicht ungültig, sondern gültig
im Sinne von
wertvoll, im Sinne von Würde. Es ist wunderbar,
dass Herr Ünal
diese Fotografien dem DOMlT zur Verfügung
stellen will;
dorthin gehören sie wirklich und ich beglückwünsche
das DOMIT* zu
diesem neuen Besitz. Das Ruhrlandmuseum
betrachtet die
Existenz von DOMIT und dessen Pläne mit
großer
Sympathie.
Sie wissen,
dass unser Ruhrlandmuseum auch und gerade
jetzt nicht so
ausgestattet ist, dass wir mit Geld oder Kapazität
in das
DOMIT-Projekt hineingehen können. Aber wir kennen
viele Menschen
und Institutionen und wir haben eine Menge
Energie zu
verschenken an Menschen mit denen wir uns
auf dem
gemeinsamen Weg zu einer menschlicheren
Gesellschaft
befinden.