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"Kismet vor der Kamera"
SPIEGEL Online, einestages, aufgezeichnet von Solveig Grothe, Mai 2009
Ein Bild von einem Türken: Mit der Kamera dokumentierte Mehmet Ünal über Jahrzehnte Ansichten und Alltag von Gastarbeitern in Deutschland. In der Rolle des Beobachters kam der gelernte Schauspieler seinen Landsleuten so nah wie kaum ein anderer.
Viele meiner Landsleute gingen damals nach Deutschland. Der Arbeit wegen. Manche ließ en dabei ihre Liebe zurück. Bei mir war es genau umgekehrt. In Istanbul hatte ich als Schauspieler gearbeitet, bis ich eines Tages eine deutsche Touristin kennenlernte. Ich war als Dolmetscher in ein Restaurant gerufen worden und lernte dabei eine deutsche Reisegruppe kennen - und eben diese Frau.
Nach ihrem Urlaub fuhr sie wieder nach Hause, und ich blieb zurück. Ein Jahr später kam sie noch einmal in die Türkei, wir machten eine Reise mit dem Boot durch die Ägäis und entschieden uns, zusammenzuleben. Aber wo? In orientalischen Märchen ist es immer so, dass der Bräutigam das Mädchen auf einem weiß en Pferd entführt. In unserem Fall hatte meine Frau das Pferd. Im November 1976 entführte sie mich mit einem weiß -blauen Flugzeug nach Mainz.
In Deutschland angekommen, versuchte ich, eine Arbeit zu finden - zunächst am Stadttheater. Dann schaute ich mich auch an anderen Theatern um und beim Fernsehen. Doch immer lehnten sie mich ab, weil sie meinten, ich könne kein Deutsch. Wenn mir tatsächlich eine Rolle angeboten wurde, dann die des Türken, der seine Frau verprügelt oder Hasch verkauft. Aber warum sollte ich solche Rollen annehmen? Ich war ein ausgebildeter Schauspieler! Ich konnte den "Hamlet" geben oder "Macbeth". In der Türkei hatten wir viele Stücke von Brecht gespielt, auch Schiller. Hier aber konnte und durfte ich kein Schauspieler sein. Deshalb fing ich mit der Zeitung und den Fotos an. Journalist kann in Deutschland jeder sein. Also durfte auch ich einer werden.
Geschichten über Türken
Ich war damals 27 Jahre alt. Seit ich in Deutschland lebte, hatte ich etwa 700 Bewerbungen geschrieben. Eine türkische Tageszeitung - in der Aufmachung ähnlich der "Bild" - machte mich schließ lich zu ihrem Korrespondenten für das Rhein-Main-Gebiet. Zunächst auf Probe, fürs halbe Gehalt. So tingelte ich nun für das Boulevardblatt "Günaydin" ("Guten Morgen") durch das Land, berichtete und fotografierte, bald auch für andere Zeitungen und Zeitschriften. Irgendwann arbeitete ich auch als Fotograf für das Mainzer Theater. Ich fotografierte dort, wo ich nicht spielen durfte.
Die Redaktionen wollten von mir vor allem eins: Geschichten über Türken in Deutschland. Wie leben sie? Wie denken sie? Wie fasten sie? Und was machen sie in ihrer Freizeit? Ende der siebziger Jahre gewann ich so zum ersten Mal einen Eindruck davon, wie meine Landsleute in Deutschland lebten. Ich war überrascht. Sehr sogar. Bisher kannte ich die Türken aus Deutschland nur, wenn sie auf Urlaub oder zu Besuch nach Istanbul kamen. Dort fielen sie vor allem durch ihre schicke und moderne Kleidung auf. Sie sahen aus wie reiche Leute.
In Deutschland aber bot sich mir ein ganz anderes Bild. Hier waren die Türken ganz unten. Sie hatten die schlechtesten Wohnungen, die schlechtesten Jobs und bekamen den niedrigsten Lohn. Natürlich waren sie auch hier sauber und gepflegt, die Männer in ihren Anzügen mit Hut und Regenschirm. Wenn man genau hinsah, bemerkte man, dass sie keine Konfektionskleidung trugen. Ihre Hosen und Jacken ließ en sie sich nähen - in der Türkei.
"Keine Ausländer"
Aus allen Teilen der Türkei waren sogenannte Gastarbeiter ab 1961 nach Deutschland gekommen. Die meisten von ihnen arbeiteten als Ungelernte in den Betrieben, vor allem in Gieß ereien, Lackierereien und auf dem Bau. Sie wurden für Arbeiten eingesetzt, die nicht viel Intelligenz erforderten, sondern vor allem Muskelkraft. Diejenigen, die ein bisschen mehr verstanden, arbeiteten am Fließ band, in Groß betrieben wie Grundig, Opel oder Daimler.
Für meine Geschichten traf ich viele der Arbeiter in Männerwohnheimen. Die Häuser gehörten oft den Unternehmen. Jeder Bewohner hatte ein Zimmer; Dusche und Küche teilten sie sich mit anderen. Es gab es auch private Heime, etwa in alten Fabrikhallen oder in übersichtlich angeordneten Baracken. Die Toiletten befanden sich auf dem Gang, in den Zimmern gab es oft nur das Bett; keine Matratzen, keine Decken, keine Möbel, nichts.
Auf dem freien Markt war für türkische Arbeiter damals kaum eine Wohnung zu bekommen. Ausdrücklich hieß es in vielen Inseraten: "Keine Raucher, keine Ausländer". Bei meinen Besuchen in den Heimen habe ich nicht nur die Bewohner fotografiert, auch Toiletten, Bäder und Duschen. Doch ich habe die Bilder nie veröffentlicht. Ich fand, einige Quartiere waren menschenunwürdig. Ob sich die Arbeiter ihr Leben in Deutschland so vorgestellt hatten?
Was passieren soll, passiert
Im orientalischen Denken gibt es das Wort "Kismet": Auch wenn man selbst entscheidet, wohin man geht - was passieren soll, das passiert. Die Menschen haben ihre Lebensverhältnisse als Kismet, als Schicksal angenommen. Die erste Generation der Gastarbeiter in Deutschland - das waren sehr bescheidene Leute. Sie haben Deutschland viel Gutes gebracht. Und von den 60 Jahren, die diese Bundesrepublik bestehen, sind die Türken fast 50 Jahre dabei. Sie haben das Land mit aufgebaut.
Wie eine Stütze des Landes haben sie sich damals wohl auch gefühlt. Die Wände ihrer Wohnzimmer waren oft ein politisches Statement: Entweder hingen dort Spannteppiche - ganz wie in der Gastkultur üblich - mit röhrenden Hirschen oder aber Porträts politischer Ideale, etwa der Republikgründer Kemal Atatürk neben einem SPD-Wahlplakat von 1983 mit dem Konterfei Hans-Jochen Vogels und dem Slogan "Im deutschen Interesse".
Anfang 2009 habe ich übrigens für eine Auftragsarbeit noch einmal Ausländer in ihren Wohnungen fotografiert. Ihre Wände waren frei, so als wollten sie ihre Gesinnung heute nicht mehr preisgeben oder nichts mehr mit Politik zu tun haben. Ich weiß es nicht genau, der Grund ist schwer zu erraten, ihn zu erfragen ist heute auch viel schwerer.
"Noch ein Jahr!"
Damals war in den Wohnungen der türkischen Gastarbeiter noch etwas anderes auffällig: Ihre Möbel waren fast immer Einzelstücke, zusammengesammelt vom Sperrmüll. Nicht ohne Grund, denn eines Tages würden sie gehen müssen. Das verführte nicht gerade dazu, etwas Neues anzuschaffen. Dass sie in die Türkei zurückkehren würden, das war ausgemacht - zwischenstaatlich und auch in den Köpfen der Menschen. Und so lebten sie. "Noch ein Jahr!" wurde zum geflügelten Wort. Der Poker um die Verlängerung begann Jahr für Jahr aufs Neue. Zuständig dafür war noch die Ausländerpolizei. Vor ihr zitterten die Türken jedes Mal - unsicher, ob sie wieder eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis bekommen würden oder nicht.
In den achtziger Jahren änderte sich alles. Helmut Kohl übernahm die Regierung, sein Arbeitsminister Norbert Blüm änderte die Sozialgesetzgebung, in den Betrieben setzte sich die Automatisierung durch, und den Job der ungelernten Arbeiter übernahmen nun Roboter.
Auch für mich änderte sich einiges. Ich arbeitete nicht mehr für Redaktionen, sondern eröffnete mein eigenes Atelier und stieg um auf Werbefotografie. Statt Arbeiter zu interviewen fotografierte ich nun Autos für Prospekte.
Noch einmal auf der Bühne
Den Traum von der Schauspielerei gab ich auf. Für diesen Beruf, so hatte ich gelernt, musste man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Mainz und Mannheim, wo ich heute lebe, waren offenbar keine richtigen Orte. Nur einmal noch stand ich auf der Bühne. Zusammen mit einem Freund von der Theaterakademie spielte ich 2003 Kabarett. Der Titel unseres Stücks: "Einmal Türke, immer Türke".
Noch heute bekomme ich gelegentlich Anrufe von Leuten, die möchten, dass ich eine türkische Familie fotografiere. Weil ich doch ein türkischer Fotograf sei. Irgendwie scheint mein Schicksal mit dem der Gastarbeiter, ihrer Kinder und Enkel verbunden.
Und nicht nur meins. Meine Tochter wurde in Deutschland geboren und absolvierte in Mainz mit Erfolg das Humanistische Gymnasium. Als sie sich kürzlich bei einer SPD-Abgeordneten um einen Job bewarb, wurde sie freudig aufgenommen: "Es ist gut, dass du einen Migrationshintergrund hast!" Darauf meine Tochter: "Sie meinen meinen Umzug von Mainz nach Mannheim? Ist das ein Migrationshintergrund?"